Erst einmal Gratulation zur bereits zweiten Auszeichnung zur Europe's Leading Lady. Was ist Ihnen der Titel wert? Nette Auszeichnung, nice to have oder tatsächlich die frühe Bestätigung, dass der eingeschlagene Weg richtig ist?
Ich fühle mich sehr geehrt, mich einzureihen in die Riege der Preisträger. Für mich ist er etwas ganz Besonderes, allein aus dem Grund, dass ich ihn schon bereits in meiner ersten Turniersaison gewonnen hatte. Für mich natürlich eine Bestätigung, aber auch zugleich Ansporn, weitere Erfolge zu erzielen, und zu beweisen, dass er bei mir gut aufgehoben ist.
Sie sind einer der erfolgreichsten Pokerspielerinnen weltweit. Seitdem sind Sie 300 Tage im Jahr unterwegs in Sachen Poker. Fehlt Ihnen etwas, wenn sie ständig unterwegs sind? Freundschaften vielleicht?
Ich habe ja auch meinen Freundeskreis in der Szene, andere Pokerspieler, mit denen man auch mal private Dinge unternimmt. Da verabschiedet man sich dann in Monte Carlo und sagt, okay, man sieht sich in drei Tagen in Barcelona wieder. Für andere mag das vielleicht verrückt klingen, aber für Profispieler ist das normaler Alltag. Vergleichbar mit dem eines Tennisprofis, der auch um den Globus jettet, von Turnier zu Turnier.
Wenn Sie dann abends nach einem Turniertag gemeinsam unterwegs sind, sprechen Sie dann überwiegend übers Pokern oder geht es auch mal um andere Dinge?
Na, Pokern ist unser aller Job. Und meistens geht es natürlich - wie bei anderen Arbeitskollegen auch - um die Arbeit.
Welche Turniere spielen Sie noch in diesem Jahr?
Ich habe einen vollen Terminkalender. Ich komme gerade aus LA und jetzt geht es erst einmal weiter nach Monte Carlo, London, Madrid, Hong Kong und im Sommer 6 Wochen nach Las Vegas zur Weltmeisterschaft. Kurz vorher werde ich noch einmal eine Woche nach Kambodscha fliegen, und sehen, wie es mit der Schule voran geht. Dann beginnt die zweite Jahreshälfte, da müsste ich erst einmal in meinen Turnierplan schauen.
Genau, noch ein paar Sätze noch zu "All in 4 Kids". Dieses Engagement ist Ihnen sehr wichtig, wie man sieht. Wie kamen Sie dazu? Und welche Hoffnungen verknüpfen Sie damit?
Es ist wichtig sich zu besinnen, dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Jeder kann helfen. Mir geht es im Moment gut, und ich möchte andere daran teilhaben lassen. Ich unterstütze gerade ein Projekt in Kambodscha. Wir bauen Schulen, in denen die Kids kostenlos unterrichtet werden. Es soll Kindern ein Ort geschaffen werden, an dem sie Bildung, Mahlzeiten, Freunde und menschliche Wärme erhalten. Wir vermitteln für jedes dieser Kinder eine Patenschaft und versuchen den Neubau von Schulen zu finanzieren. Mehr Infos unter www.allin4kids.de
Genau, noch ein paar Sätze noch zu "All in 4 Kids". Dieses Engagement ist Ihnen sehr wichtig, wie man sieht. Wie kamen Sie dazu? Und welche Hoffnungen verknüpfen Sie damit?
Stellen Sie sich vor, Sie spielen fünf Tage hintereinander, täglich 13 Stunden. Da herrscht einfach eine große Anspannung. Denn es geht teilweise um richtig viel Geld. Im Augenblick des Gewinns realisiert man seinen Triumph zunächst überhaupt nicht. Ich bin dann einfach nur froh, dass das Turnier zu Ende ist. Dann fällt der ganze Ballast von dir ab. Als ich das Turnier in Dortmund (Preisgeld: 917 000 Euro) gewonnen hatte, dachte ich zunächst nur: Super, Ziel erreicht, gewonnen. Jetzt kann ich wieder zurück ins Hotel und endlich mal schlafen.
Und das viele Preisgeld? Denkt man daran gar nicht?
Das Geld ist natürlich ein sehr tolles Beiwerk, aber mir geht es um den Sieg. Ich will gewinnen, ich will die Beste sein. Was nützt mir denn eine üppige Prämie wenn ich nur Zweite oder Dritte bin? Natürlich gibt es Spieler, die aus rein finanziellen Gründen pokern. Aber ich nicht. Ich will ganz nach oben. Ich will Titel.
Nach Las Vegas? Auf den Weltmeisterschaftsthron?
Ja, ich will bei der World Series of Poker (WSOP) unbedingt ein Bracelet (ein goldenes Armband, die Siegtrophäe) gewinnen.
Mehrere Tage, jeweils 12 oder 13 Stunden am Stück am Pokertisch. Wie steht man das durch?
Man muss schon die Fähigkeit besitzen, lange Zeit hochkonzentriert an einen Tisch zu sitzen. Pokern ist nichts für Menschen mit großem Temperament, die ständig in Bewegung sein müssen. Die würden das ja gar nicht durchhalten.
Wie sieht Ihr "Arbeits-Outfit" aus? Elegantes Abendkleid? Oder sexy und tief dekolletiert, um die männlichen Mitspieler abzulenken?
Nein, überhaupt nicht. Wenn man 13 Stunden am Tisch sitzt, dann trägt man einfach bequeme Klamotten. Also von wegen üppiger Ausschnitt oder High Heels. Außerdem ist es auch unangenehm, wenn 1000 Männer im Turniersaal in meinen Ausschnitt starren. Dresscode: Einfach so bequem und leger wie möglich. Es ist ganz und gar nicht so, dass ich da wie eine Diva einmal durch den Saal stolziere. Pokern ist eine Art Sport, auch für mich und den betreibe ich professionell. Außerdem ist es doppelt schwer, wenn man als Frau in eine Männerdomäne einbricht und da will ich mir natürlich nicht nachsagen lassen, ich könnte nur schön aussehen aber sonst nichts. Privat zeige ich natürlich gerne, dass ich auch Frau bin.
Klar, aber kommen dennoch Sprüche?
Gerade am Anfang war es schwer. Zuerst wirst du belächelt, dann wirst du bekämpft und irgendwann auch respektiert. Und ich habe durch Erfolge gezeigt, dass man mich als Spielerin auf keinen Fall unterschätzen sollte. Mittlerweile habe ich den Status erreicht, dass ich mir keine dummen Sprüche mehr anhören muss. Das ist sehr angenehm.
Was ist von größerem Vorteil beim Poker? Weibliche Intuition oder kühle mathematische Berechnung?
Ein gutes Spiel setzt sich zusammen aus Mathematik, Psychologie und Strategie. Ein mathematisches Verständnis und der Umgang mit Wahrscheinlichkeiten sind eine Grundvoraussetzung. Des Weiteren ist es entscheidend seine Gegner analysieren zu können, um gut gegen sie zu agieren. Und letzten endes ist es wichtig strategisch vorzugehen, und zu wissen wann man welchen Spielzug gegen welchen Gegner macht, um den maximalen Gewinn aus einer Hand zu ziehen. Weibliche Intuition, sofern es sie gibt, dürfte keine entscheidende Rolle spielen. Aber der Feldversuch steht noch aus.
Sie haben schon vieles vor Ihrer Pokerkarriere ausprobiert. zuletzt waren sie in einer Agentur kreativ tätig. Hilft es auch am Pokertisch, wenn man imstande ist sich und andere zu organisieren? Nützt künstlerische Kreativität, wenn man am Final Table sitzt?
Es sind sicher andere Skills, die einen guten Pokerspieler ausmachen. Poker ist kein Teamgame oder Job, bei dem Softskills oder Organisationstalent gefragt sind. Das Schöne am Poker ist, jeder kann Poker erfolgreich spielen. Das verwöhnte Muttersöhnchen, der sich alles hart erarbeitet habende Geschäftsmann, der Musiker, der Unternehmensberater, der Polizist, der Gastronom und natürlich auch Leute wie ich aus der Kreativbranche. Einen Vorteil erzielt jeder weniger durch seinen beruflichen Backround, vielmehr durch wichtige Eigenschaften wie Disziplin, Geduld, Lernbereitschaft und vor allem Leidensfähigkeit.
Wenn man sich Ihre Website ansieht, gewinnt man den Eindruck, dass da jemand sehr genau Bescheid weiß über die Mittel, einen Auftritt wirkungsvoll, ansehnlich und künstlerisch zu gestalten. Ist der Rückschluss erlaubt, dass auch der Auftritt am Pokertisch, das Outfit mit Hut und die obligatorische Zigarre, eine Art Selbstinszenierung sind? Kalkulieren Sie Ihre Wirkung?
Kalkulieren tue ich in der Tat viel, allerdings weniger meine Wirkung als Frau. Das Paket, wie Sie es beschreiben ist authentisch. Das bin ich. Ich rauche eben jeden Tag meine Zigarre, trage gerne Hut, und an meinem Geschlecht kann ich im Nachhinein nichts mehr ändern. Eine Reklamation käme aber auch nicht in Frage ;-)
Was würden sie jedem Pokerspieler raten, was sind ihre Tipps?
Nie aufhören sein Spiel zu hinterfragen. Ich gehe viele Szenarien durch, während ich eine Hand spiele. Ich versuche immer alle Strassen voraus zu denken. Was kostet mich die Hand in Fall 1) ich spiele auf dem Flop ein Checkraise, bekomme 1a) eine Freecard auf dem Turn, 1b) muss eine Bet in halber Potgröße zahlen, wenn ich den River sehen will. Und so spiel ich die Hand im Kopf durch. So habe ich eine range, wieviel mich diese Hand kosten bzw. einbringen kann, und wie ich sie am effektivsten spielen sollte. Außerdem sollte man seinem Spiel immer wieder neue Impulse geben, und darf sich nicht auf den ein oder anderen Turniererfolg ausruhen.
Was ist die richtige Strategie für den Anfänger.
Man kann immer nur souverän spielen,. wenn man weiss, was man eigentlich tut. Also ersteinmal lernen und üben. Am besten auf www.pokerstars.de. Dort gibt es auch eine Pokerschule, wo man Schritt für Schritt alles wesentliche lernt. Und wenn man dann fit ist, ab ins Haifischbecken ins Casino und seine Pokerspiels mal live ausprobiert. Aber wie heisst es so schön, vor dem Vergnügen kommt der Fleiß. Also spielen, spielen, spielen damit man schnell zu den Gewinnern in dem Spiel zählt.
Noch eine abschließende Frage: Ist Poker eine lebenslange und bestimmende Passion? Oder immer nur eine Sache von vielen, die eben manchmal im Vordergrund steht? Können Sie sich vorstellen, bis ans Lebensende Profispieler zu sein?
Das schöne ist, Poker kennt keine Altersgrenze, nur eine Schmerzgrenze. Beim Poker kann man nie genau sagen, wo man sich in 3 Jahren sieht und wo man in 6 Jahren steht. Ich persönlich habe noch viele Ziele, die ich im Poker erreichen möchte. Der Ehrgeiz diese zu erreichen, wird mich sicher noch einige Zeit im Pokerzirkus reisen lassen. Allerdings ist es wichtig, sich auch Freizeit im Sinne von Familie und Freunde zu erhalten. Diese Regenerationsphasen sind sehr wichtig. Außerdem kann Poker kaum langweilig werden. Man kann so viele Varianten lernen und spielen, und es werden sicher noch einige im Laufe der Zeit dazukommen, so dass man immer wieder neue Herausforderungen für sich suchen kann. Das kann unter Umständen bis zum Lebensende reichen.